Sie war so klein. Wie ein verschrumpeltes Kind. Aber das Ritual musste eingehalten werden. Damast und Kristall auf dem Tisch, Seide und Brokat am Körper. Auch wenn dieser Körper Maria von Bargens Willen schon lange nicht mehr gehorchte. Die Familie tat es.
Sabine setzte die Tranchierschere an. Krachend barst der Brustkorb in zwei Hälften. Das zarte, weiße Fleisch zerfiel fast von allein in mundgerechte Häppchen. Mama legte Wert darauf, zu kaschieren, dass sie nur noch die Gabel des schweren Familiensilbers benutzen konnte.
“Für mich bitte auch nur etwas Brust”, hauchte Gesina und streichelte ihren Bauch, in dem G Nummer sechs darauf harrte, seine Geschwister mit lautem Gebrüll zu unterstützen. Nicht, dass sie die nötig gehabt hätten. Nur durch Bestechung war es Gisbert gelungen, seine drei rothaarigen Monster davon abzuhalten, den Gabentisch vor dem Essen zu plündern. Sabines Schwester hatte einen matten Seufzer beigetragen. “Sie wollen sich doch nur austoben. Wenn sie schon einmal den Platz haben …”
Mit einem kräftigen Schnitt trennte Sabine einen Flügel vom Korpus. Nicht einmal jetzt konnte Gesina sich zurückhalten. Am liebsten hätte sie die Familienvilla gleich nach Vaters Tod in eine Monsterhöhle verwandelt. Ohne Mutter versteht sich. Die sollte in eine kleinere, bequemere, vielleicht gar betreute Wohnung umziehen. “Nur über meine Leiche!”, war alles, was Maria dazu zu sagen hatte. Nach ihrem Schlaganfall hatte sie ähnlich reagiert. Eine Pflegerin im Haus? Unmöglich. Dass Gesina neben ihren vielfältigen Hausfrauenpflichten keine Zeit hatte, täglich den weiten Weg vom Reihenhaus am Rande der Stadt zurückzulegen, sah sie ein. Aber wozu hatte man schließlich noch eine Tochter, die Medizin studiert hat?
Geschmeidig glitt das Messer durch das Fleisch. Gisbert junior langte über den Tisch, spießte einen Kloß aus der Schüssel auf.
“Bevor wir anfangen …”,
Sabine zuckte zusammen. Kaum mehr als ein Flüstern, doch an Schärfe hatte die Stimme ihrer Mutter nichts eingebüßt. Sogar Gisbert junior ließ die Gabel sinken.
“…möchte ich einen Toast aussprechen. Aber dafür brauche ich erst einmal etwas Anständiges zu trinken.” Auffordernd hielt sie Gisbert ihr Weinglas entgegen.
“Mutter, ich glaube nicht …”, setzte ihr Schwiegersohn an.
“Maria reicht vollkommen. Ich kann mich nicht erinnern, dich adoptiert zu haben.”
Gisberts Haut nahm den Ton des begehrten Burgunders an. Gesina beeilte sich, ihrem Gatten beizustehen.
“Mama, du weißt, dass du keinen Alkohol trinken sollst. Nimm dir ein Beispiel an mir!” Demonstrativ hob sie ihr Wasserglas.
“Kindchen, im Gegensatz zu dir bin ich nicht schwanger. Nur todkrank.”
“Nicht doch Mu…, Maria”, stotterte Gisbert, “du siehst großartig aus. Wir werden noch viele Weihnachten mit dir feiern.”
“Natürlich. Und du wirst Vorstand deiner Bank!”, konterte Maria trocken. “Bekomme ich jetzt endlich etwas von dem Burgunder?”
“Gisbert ist wenigstens hier!”, empörte Gesina sich mit einem Seitenblick auf Sabine.
“Ich dachte auch, dass selbst kinderlose Ehemänner ab und zu einmal Anspruch darauf haben, das Fest der Liebe im Kreise ihrer Familie zu verbringen”, stichelte ihre Mutter. “Was ist es diesmal, Sabine? Ein Blinddarmdurchbruch? Eine Massenvergiftung?”
“Ein ganz normaler Notdienst, Mama”, sagte Sabine. “Mein Notdienst, um genau zu sein. Ich habe die Hilfsbereitschaft meiner Kollegen in letzter Zeit etwas überstrapaziert.” Sie war froh, dass Michael diese Nacht im Krankenhaus verbringen würde. Es war besser so. Besser für ihn.
Ein lautes Poltern verriet, dass Klein-Gabriel die Gelegenheit genutzt hatte, den Geheimnissen unter dem Weihnachtsbaum auf die Spur zu kommen.
Um halb zwölf lagen die Monster endlich im Bett. Gisbert raffte Geschenkpapier, zertrümmertes Spielzeug und Nussschalen zusammen. Gesina lehnte den Kopf zurück, strich versonnen über das weiche Leder ihres Sessels. Sabine hüllte Marias Beine in eine leichte Kaschmirdecke, ließ sich auf einem Kissen zu ihren Füßen nieder. Die Speichen des Rollstuhls funkelten im Feuerschein. Sabine bewunderte die eiserne Disziplin, mit der ihre Mutter den Abend durchgestanden, sich über die Kapriolen ihres Körpers hinweggesetzt hatte. Die Schmerzspuren aber konnte auch das weiche Licht nicht wegschmeicheln. Die Falte zwischen ihren Brauen tief wie ein Axthieb, die Wangen eingefallen, in ihren Augen ein fiebriger Glanz. Maria massierte ihre taube, rechte Hand, spielte mit dem Ehering daran.
“In vierzig Jahren habe ich ihn nicht einmal abgenommen. Ein Versprechen verpflichtet, nicht wahr?”
Sabine richtete sich auf. “Ich glaube, es ist Zeit, schlafen zu gehen.”
“Ja”, sagte Gesina, stemmte sich aus dem Sessel empor und hauchte ihrer Mutter einen Kuss auf die Stirn. “Gute Nacht, Mama.” Beide Hände auf dem vorgestreckten Bauch fragte sie: “Du schaffst das doch alleine, Sabine, oder?”
Die Sonne fiel auf ihr Gesicht. Ganz friedlich lag sie da. Sabine streichelte Marias kalte Hand. Doktor Rau rückte seine Lesebrille zurecht, setzte seine schwungvolle Unterschrift auf den Totenschein, dann musterte er Sabine.
“Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen. Vielleicht war der gestrige Abend zu anstrengend, das Essen, der Alkohol, die Aufregung, aber ihre Mutter hat ihn mit Sicherheit genossen. Und Sie als Ärztin wissen, welches Leid ihr noch bevorgestanden hätte.”
Auf dem Flur knallte eine Tür. Gisbert junior brüllte: “Das ist mein Spiel!”
Sabine straffte die Schultern. “Vielen Dank, Doktor Rau. Und bitte entschuldigen Sie den Krach. Sie sind noch sehr jung.”
Der Arzt nickte ernst. Nur seine Mundwinkel zuckten.
Auf der Beerdigung wurde nicht nur sein Verständnis auf die Probe gestellt. Gesina stand in kostbarem Trauerornat am Grab. Ihr wagenradgroßer Hut schützte sie vor allzu aufdringlichen Beileidsbekundungen. Vielleicht wollte sie ihren Monstern im Falle eines Regengusses einen trockenen Unterstand bieten. Doch es regnete nicht, und die Brüder G nutzten den Freiraum, ihrer kleinen Schwester Gundula einen kräftigen Schubs zu geben. Das Kreuz aus gelben Rosen dämpfte den Aufprall, nicht aber Schrei des Mädchens.
Zur Testamentseröffnung ließen Gisbert und Gesina die Kinder in der Obhut eines Babysitters mit Nahkampfausbildung. Als der Anwalt den letzten Willen ihrer Mutter verlesen hatte, sah Gesina aus, als wünschte sie sich diesen Babysitter auf der Stelle in die Kanzlei, um ihn auf den Juristen zu hetzen. Sabine senkte den Blick, spürte ein Flattern im Magen. Die Villa gehörte ihr, ihr ganz allein. Gesina, die einen Teil ihres Erbes schon ausgezahlt bekommen und kurz darauf einem Börsenhai zum Fraß vorgeworfen hatte, musste sich mit einem kleinen Paket fest verzinslicher Wertpapiere begnügen.
Vor der Tür riss Gesina sich ihren Hut vom Kopf.
“Das lasse ich mir nicht bieten. Ich werde für mein Zuhause kämpfen. Das bin ich meinen Kindern schuldig!”
Kommissar Jochen Hartmann hatte eine Woche hinter sich, die ihn an seinem Beruf zweifeln ließ. Rund um die Uhr hatten sie den vermissten Jungen gesucht. Gestern hatten sie ihn gefunden. In einem versteckten Verlies im Haus seiner Eltern, vor dem diese zuvor gramgebeugt für die Presse posiert hatten. Und jetzt saß diese Frau vor ihm. Aufgebracht, erregt, in einem Designerkostüm, das Trauer und Schwangerschaft betonte.
“Herr Kommissar, ich weiß, ich hätte früher zu Ihnen kommen sollen, aber sie ist ja immerhin meine Schwester und außerdem ...”
Mit einem Kleenex aus seiner Notfallpackung trocknete die trauernde Tochter ihre Tränen. Bemerkenswert, dachte Hartmann, wie gut manche Frauen sich darauf verstanden, zu weinen, ohne ihr Make-up zu ruinieren.
“Sie glauben also, dass Ihre Mutter keines natürlichen Todes gestorben ist?”
Ein Ruck ging durch ihren runden Körper, die kleinen Hände ballten sich zu Fäusten.
“Nein. Sie war schwer krank und hat über die Schmerzen geklagt. Aber sie hatte einen eisernen Willen. Sie wäre noch hundert Jahre alt geworden. Sie wollte erleben wie Griselda …” Sie streichelte ihren Bauch, schluchzte. “Heiligabend hat Sabine gesagt, sie könne nicht mehr mit ansehen, wie Mama sich quält.”
Jochen Hartmann schlug den Mantelkragen höher. Der Kies knirschte unter seinen Füßen. Auf der Rückseite der Villa gab es einen eigenen Bootsanleger. Bei seiner letzten Kanutour war er daran vorbeigekommen, hatte die alte Dame im Rollstuhl auf den Steg zufahren sehen und für einen Moment gefürchtet, sie würde direkt ins Wasser rollen, bis sie mit einer ruckartigen Bewegung unter der Weide anhielt. Im Sommer musste es hier wunderbar sein. Ein dunkelblauer Van parkte direkt vor der Freitreppe. Er stieg die Stufen empor. Sabine Lehmann öffnete, bevor er klingeln konnte. Auch sie trug Trauer. Schmale Hosen, Rollkragenpullover, das blonde Haar im Nacken zusammengebunden.
“Guten Abend, Herr Kommissar. Ich habe Sie schon erwartet. Die Wachhunde sind auch da. Auf ihre Welpen müssen Sie leider verzichten. Nicht gut für die Kleinen, mit einer Mörderin unter einem Dach zu leben.”
Sie führte ihn in den Salon. Wie auf einem Familienphoto aus dem frühen 20. Jahrhundert thronte Gesina Gehlen unter dem Portrait ihres Vaters. Ihr Gatte aufrecht hinter ihr, eine Hand auf der hohen Sessellehne. Am Flügel improvisierte Michael Lehmann einhändig eine melancholische Melodie. Bei ihrem Eintreten erhob er sich lässig und fragte:
“Was können wir Ihnen anbieten, Herr Kommissar?”
“Ein Kaffee wäre nett, danke.”
Hartmann setzte sich. Den Mantel behielt er an.
“Professor Daubner hat heute den Obduktionsbericht geliefert.”
Gesina balancierte auf der äußersten Sesselkante, reckte den Hals. Fast glaubte er einen kleinen Schmatzer zu hören, als ihre Zunge zwischen den Lippen hervor schnellte.
“Und? Wie hat sie es gemacht?”
Hartmann nahm einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete.
“Gar nicht.”
“Was soll das heißen?”, rief Gesina.
“Dass Ihre Mutter eines natürlichen Todes gestorben ist.”
“Unmöglich! Sie hat es versprochen!” Ihre Ohrringe tanzten im Rhythmus ihrer Empörung. Ihr Zeigefinger zielte auf ihre Schwester.
Ruhig hielt diese ihrem Blick stand.
“Aber ich habe mein Versprechen nicht gehalten.”
Gesina sprang auf.
“Das glaube ich nicht!”, kreischte sie. “Niemals! Sie ist Ärztin, verdammt noch mal. Sie kennt jeden Trick.”
Sanft setzte Hartmann seine Tasse ab.
“Es wird Sie beruhigen zu hören, dass Professor Daubner und sein Team diesem besonderen Umstand bei ihrer Untersuchung Rechnung getragen haben. Denn das, Frau Gehlen, erspart Ihnen die Anklage, einen Mord billigend in Kauf genommen zu haben.”
Gesina schnappte nach Luft.
“Sie … Sie …Gisbert! Sag doch auch mal was!”
Copyright © Susanne Henke
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