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DER RING
Die Stille ist beunruhigend ohne dich. Das vertraute Knacken der Heizung plötzlich bedrohlich. Arbeitet nur das Holz oder sind es Schritte, unter denen die Dielen ächzen? Ich vermisse dein Schnarchen, obwohl es mich so oft wachgehalten hat. Dieses leise Schnurren, das sich über erkältetes Krähengekrächze bis zu laut rasselnder Großküchenkaffeemaschine steigerte, bevor du dich wild um dich schlagend auf die andere Seite gewälzt hast.
“Sie müssen auch einmal wieder richtig durchschlafen, Frau Benthien”, hat Petra gesagt und mir ihren Schlummertrunk Spezial bereitet. Am nächsten Morgen warst du weg. Neben mir, kalt und verlassen, die Hülle, die deinen sprühenden Geist beherbergt hat.

Petra ist noch da. Ganz fleckig war ihr rundes Gesicht vor lauter “Wäre-ich-doch-nur-da-gewesen”-Schluchzen. Tröstend legte der Pfarrer den Arm um sie. “Sie trifft keine Schuld, mein Kind.”
Treibt pflegerisches Pflichtbewusstsein sie auf nächtliche Patrouille?

Tagsüber ist das Trappeln ihrer bis über die Knöchel in dick besohlten Turnschuhen steckenden Füße allgegenwärtig. Wie ein Gummiball springt sie hin und her, erfüllt mir jeden Wunsch, will mir auch die anstrengenden Fahrten zur Bank ersparen. Keine Arbeit ist ihr zu schwer. Sogar die Schränke hat sie abgerückt, um gründlich sauberzumachen. Und sie ist so bescheiden. Heute Nachmittag habe ich ihr den Familienschmuck gezeigt und sie gebeten, sich ein Stück auszusuchen. Sofort sprenkelten rote Flecken ihren Teint: “Das ist wirklich nicht nötig, Frau Benthien.”

Die Brosche meiner Großmutter musste ich ihr förmlich aufdrängen. Ob sie lieber einen der Ringe, die du und ich uns vor einem halben Jahr nach einem Renaissance-Modell haben anfertigen lassen, genommen hätte? Doch ihre Augen leuchteten, als ich ihr erlaubte, die Kassette für mich zurück in den Tresor zu legen. Nettes Mädchen. Ich bin langsam zu alt, um auf den Knien vor unserem Bett herumzurutschen.

Halb drei. Dem dumpfen Gong der Standuhr folgt ein leises Poltern. Keine Halluzination. Ich greife nach dem Ring, drehe den klobigen Stein nach innen, fahre über die ziselierte Einfassung, schließe die Augen. Nur nicht bewegen.
Knarzend öffnet sich die Tür. Knick, knack, knick kommentieren schwache Fußgelenke jeden zaghaft tastenden Schritt. Säuerlicher Schweißgeruch vermischt sich mit dem süßen Aroma klebriger Schlaftrunkreste in dem Becher auf meinem Nachttisch. Sein Inhalt beruhigt die Zimmerpalme. Nicht die Luft anhalten, gleichmäßig atmen, die Lider entspannen. Aufgeladenes Knistern. Warmer Atem auf meinem Gesicht. Rauschendes Rascheln. Daunen seufzen unter festem Druck. Meine Nase in deinem Kissen. Ganz schwach noch dein Geruch.
Jetzt. Ich packe ihr Handgelenk, umklammere es mit aller Kraft, spüre, wie die Nadel sich ins Fleisch bohrt. Ein spitzer Aufschrei. Der Druck lässt nach. Das Kissen rutscht herunter. Petra greift sich an den Hals, taumelt zurück, geht vor dem Bett zu Boden.

Der Ring hätte den Borgias gefallen. Das Gift wirkt wirklich sehr schnell.

Copyright © Susanne Henke
Mekellose Morde to go

… der neue Nachbar gegen die Kraft des Zen immun scheint?

… der Rat eines Lebenshilfegurus sich als wegweisend erweist?

… Kurerfolge Prämien killen?

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Susanne Henke
Makellose Morde to go
Edition BoD, Dezember 2009
ISBN: 978-3-8391-9252-8
TB, 128 Seiten, EUR 9,90
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