Natürlich hatte sie gesagt, dass es ihr nichts ausmacht, wenn er fährt. Aber das war doch kein Grund, es auch zu tun. Allein, ohne sie. Ausgerechnet zu Madita und Klaus. Wo doch jeder wusste, dass Madita ihren Klaus nur geheiratet hat, weil Peter schon vergeben war.
Verspätete Mittsommernachtsfeier in idyllischer Blockhütte am See. Und sie einsam und verlassen, von Schmerz und Fieber geplagt im stickigen Stadthaus. Da halfen auch die Anrufe im Dreistunden-Rhythmus nichts. “Geht es dir schon besser, Schatz?” Was sollte sie darauf antworten? “Ja, Lieber, mach dir keine Sorgen und feiere schön”, während sie dem Delirium entgegen dämmerte? Lieber gleich noch einmal die Temperatur messen. 37,9° C. Zugegeben, das war nicht wirklich dramatisch. Aber das wusste Peter doch nicht. Wenn es nach ihm ginge, könnte sie den Kopf unterm Arm tragen, ohne dass er sich bemüßigt fühlen würde, auf sein Vergnügen zu verzichten. Wenn sie sich dagegen auch nur den kleinsten Luxus leistete, wie zum Beispiel ein paar einfache Schuhe, spielte er plötzlich den Verantwortungsbewussten: “Denk auch mal ein bisschen an unsere Zukunft!”
Nur weil sie nicht so erfolgreich war, wie Professor Doktor Madita Sundström, hieß das noch lange nicht, dass sie in Sack und Asche gehen musste. Zum Saufgelage à la Svenska hatte Frau Professor lauter Ex-Kommilitonen geladen. “Ich freue mich so auf die guten Gespräche.” Typisch Peter. Zog nächtelange Diskussionen über die Frage, ob es einen freien Willen gibt, der einfachen Entscheidung, seinem Weib in der Not die Hand zu halten, vor.
Schon nach zwei. Musste er auch noch zum Katerfrühstück bleiben? Sie könnte tot sein. Wenn er nun nach Hause käme und sie wäre nicht da? Zerwühlte Laken, ein bisschen Erbrochenes auf dem Teppich, der Hörer neben dem Telefon, in der Wahlwiederholung die Nummer des Notarztes. Würde er dann seine Rücksichtslosigkeit bereuen und ihr endlich den neuen Wagen kaufen? Sich vor schlechtem Gewissen winden, und sie auf Händen tragen?
Und wenn er sie ohnmächtig am Fuß der Treppe fände, blass und entkräftet wie die Kameliendame?
Das Telefon läutete.
“Schatz, ich mache mich jetzt auf den Weg.”
Sie verkniff sich ihr “Wird aber auch Zeit”, hauchte nur ein schwaches “Ja”, bevor sie den Hörer auf die Gabel sinken ließ.
Kameliendame war gut, aber nicht in diesem Jogginganzug. Die Fahrt dauerte mindestens drei Stunden, genug Zeit für ein Bad.
Sollte sie das Haar hochstecken? Nein, weich auf die Schultern fallend war besser. Die Augenringe sahen täuschend echt aus. Das bodenlange Spitzennegligé unterstrich die zerbrechliche Aura. Dazu die passende Pose, eine Hand mit der Innenfläche nach außen an der Stirn, die Augen mit flatternden Lidern öffnen, ein kaum hörbares “Es ist nichts”.
Beinahe hätte sie den Wagen nicht gehört, so vertieft war sie in ihre Generalprobe. Schnell schlüpfte sie in ihre zierlichen Pantoletten und lief auf die Galerie.
Sie war wirklich sehr blass, als Peter sie am Fuß der Treppe fand. Ihr Hals war seltsam verdreht. Ein Pantoffel stand einsam auf den Fliesen, an seinem Absatz wehte ein weißes Spitzenfähnchen.
Copyright © Susanne Henke
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