Wie eine dicke weiße Made klebt Rainer mit der Kamera im Anschlag auf dem schwarzen Felsen und lauert auf den nächsten Sprung.
“Ach, der traut sich ja doch nicht”, schimpft er und robbt in eine andere Position. Er schaut nach oben und knipst Karin, sein allzeit bereites Ersatzmotiv. Hinter ihm nimmt der Springer Anlauf und segelt in perfekter Körperhaltung durch die Luft.
Karin verflucht ihren Stehplatz an der Brüstung der Hotelterrasse. Die Sonne brennt ihr auf das ungeschützte Haupt, ruiniert Dauerwelle und Teint. Ein entspannter Tag am Pool sollte es werden nach einer Woche Dauerbesichtigungstour über die gesamte Insel. Wie sie diese Serpentinen hasste. Doch kaum hatte sie sich unter Schatten spendenden Palmen auf der Liege ausgestreckt, rief Rainer aufgeregt:
“Schatz, guck mal da, auf dem Felsen, echte Einheimische beim Klippenspringen. Das muss ich fotografieren!”
Seit einer guten Stunde klammert sie sich, beladen mit Rainers kostbarer Ausrüstung, am Geländer fest, während die Springer ihre Kür absolvieren. Der Kleinste beweist den größten Mut. Leichtfüßig bewegt er sich auf dem Felsen, klettert auf den höchsten Punkt über der Grotte und stürzt sich ohne große Zeremonie hinab. Leuchtend gelb markiert seine Badehose die Flugbahn. Der Junge mit den eingebauten Rettungsringen lässt sich mehr Zeit, prüft den Sitz seiner Shorts, wirft einen Blick über den Rand, dann stößt er sich mit lautem Geschrei ab und landet nicht mit der besten Haltung, aber mit der größten Fontäne im Wasser. Der Meisterspringer, entgegen der sonst vorherrschenden Bermudamode im knappen Slip, wählt, umringt von seinen Jüngern, die optimale Absprungstelle. Die Mädchen taxieren seinen V-förmigen Oberkörper, die schmalen Hüften, die muskulösen Beine. Nur eine ignoriert ihn. Sie konzentriert sich auf ihren eigenen Sprung, lässt sich nicht von den feixenden Jungs irritieren. Ein weißhäutiger Neuzugang hängt wie ein zusammengestauchtes Fragezeichen auf dem Felsen und beobachtet seinen Freund, der zum dritten Mal keuchend aus dem Wasser klettert und prustet:
“Jetzt bist du dran. Gib mir mal die Kamera!”
Rainer zupft sich am Ohr.
“ Also ich hätte ja auch mal Lust zu springen.”
Er reckt die Brust.
“Hättest du Angst um mich?”
Was will er jetzt hören? Dass er so stark ist, dass sie keine Angst haben muss? Oder dass ihr liebendes Herz vor Angst stillstünde, wenn er sich den Jungs anschlösse?
“Ich weiß nicht.”
“Wenn du Angst hast, springe ich nicht.”
Hinter ihm vollführt der König der Klippe einen dreifachen Salto. Die Zuschauer applaudieren.
“Nur wegen dir habe ich das jetzt verpasst.” Schussbereit kauert er sich auf den Felsen, wartet vergeblich auf das nächste Kunststück.
“Ich springe, und du machst ein Foto. Oder hast du Angst?”
“Nein. Ja. Ich habe Angst, die Fotos werden nichts.”
“Ach komm, so blöd kannst du doch gar nicht sein.”
Steil nach unten führt der Weg zu Rainers Aussichtsplatz. Die Badelatschen bieten keinen Halt auf dem losen Schotter, spitze Steine bohren sich in ihre Fußsohlen. Sie fühlt sich wie ein Fakir auf einem Gerölllaufband. Das Gewicht der Tasche zieht sie nach hinten.
“Den Kram legst du hier hin!”
Befreit von ihrer Last klettert sie mühsam auf den Vorsprung, wagt einen kurzen Blick hinab. Wie ein drohender Zeigefinger ragt unter ihr eine Felsspitze aus dem Meer hervor.
“So, den Fuß hier rüber!” Rainer rückt sie wie ein Möbelstück zurecht, drückt ihr die Kamera in die Hand und stapft zum Absprungplatz für Anfänger. Die Sandalen stellt er ordentlich nebeneinander auf einen Steinblock, dann wirft er sich in Positur.
“Alles klar?”
“Das Ding geht nicht an.”
Er stemmt beide Hände in die Hüften. Sein Seufzer ist für alle zu hören.
“Du hast eben auf Power gedrückt. Das machst du einfach noch mal, dann ist sie wieder an.”
“Okay.”
Hochkonzentriert schaut sie durch den Sucher. Die Zehen rutschen über die Gummisohle hinaus auf den heißen Stein. Ihr Bikinihöschen kneift, die Beine zittern.
Mit stolzgeschwellter Brust tapst Rainer an den Klippenrand und hüpft mit zugehaltener Nase und angewinkeltem Bein ins Wasser.
Der Auslöser blockiert. Karin rutscht ab, die Kamera fällt ihr fast aus der Hand. Rainer krabbelt nach oben.
“Na, wie war ich?”
“Die Kamera hat gestreikt.”
Ein zähflüssiger Tropfen zittert an seiner Nasenspitze.
“Das kann doch wohl nicht wahr sein!”
Er stampft mit dem Fuß auf. Der Tropfen löst sich.
“Gib her!”, schreit er und zerrt an der Kamera. Karin lächelt und lässt los. Der Schwung reißt ihn mit.
Erst der Felsfinger bremst seinen Fall.
Copyright © Susanne Henke
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