Er kommt unangemeldet. Wirbelt Staub auf, der sich auf die auf Hochglanz polierten Hybridvans vor dem Laden senkt. Auch Kilometer fressen meine Kunden umweltschonend. Seit ich den Hof umgestellt habe, boomt das Geschäft. Mein Besucher springt aus dem Wagen, eilt mit federnden Schritten zum Kofferraum, streift Overall und Gummistiefel über seinen eleganten Anzug. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Jede Norm-Reform erfordert ein neues Zertifikat. Und unser neues Angebot steht unter besonderer Beobachtung. Überprüft wird ganzheitlich.
Wir fangen bei den Tomaten an. Die Menge des zwischen den Stauden wuchernden Wildkrautes scheint ihm angemessen, doch das Rot ist ihm zu rot. Ein Blick auf den Beleg über das Saatgut beruhigt ihn. Die Krümmung der Gurken ist EU-konform, die Kartoffeln erweisen sich als klein, die Insektenpopulation in der Obstplantage als groß genug. Die Sonnenblumen hat der gestrige Sturm präsentabel zerzaust. Von der Weide muss er ein Foto machen. Zu grün ist ihm das Gras, zu zahlreich die Butterblumen. Boden-, Halm- und Blütenproben verstaut er in Beweisbeuteln, die sorgfältig etikettiert in seinem Koffer verschwinden. Seine Körpersprache verrät, dass er den Kühen gerne vom Gatter aus Gesundheit und Glücklichsein bescheinigen würde. Doch das Protokoll verlangt eigenhändige Leibesvisitation. Wie eines der Kälber stakst er um die Herde herum, schaut in Mäuler, krault und zwickt, prüft Euter auf Spuren industrieller Melkmaschinen, zapft Blut. Noch einen Löffel Dung, dann spurtet er zurück hinter den Zaun.
Mir ist das Tempo Recht, denn Maria ist allein mit unseren Kunden. Einer anspruchsvollen Klientel, der Zeit ein äußerst kostbares Gut ist. Ein Kriterium, das ganz wesentlich zu ihrer Entscheidung für unsere Produkte beiträgt, auch wenn diese ein wenig kleiner und vielleicht ein bisschen hässlicher sind, als ihre Geschwister aus dem Genlabor.
Am Komposthaufen attestiert mir mein Besucher gelungene Mistwirtschaft. Das volle Federkleid der eng im Schatten beieinander liegenden Hennen entlockt ihm ein anerkennendes Lächeln. Ebenso ihre Schlafstatt, für deren Inaugenscheinnahme er die schmale Leiter hinaufsteigt. Ein Blick auf das Etikett des Futtersacks bestätigt ihm ihre vollwertige Ernährung.
Sein Magen knurrt. Hungrig soll er das Herzstück des Hofes nicht begutachten. Ich biete ihm ein Omelette aus den frischgelegten Eiern unserer freilaufenden Hühner an. Er zögert kurz, verwirft den Bestechungsgedanken und folgt mir in die Küche. Am blankgescheuerten Holztisch wagt er den Selbstversuch nicht nur mit der Eierspeise, auch Biobutter, -brot und käse testet er mit eigenem Gaumen. Nach einem extra starken, natürlich fair und biologisch angebauten Kaffee inspiziert er Geräte und Lagerhaltung. Dann brechen wir auf.
Unter der Linde steckt ein Paar in edel designtem Biobaumwollenoutfit die Köpfe über einem Laptop zusammen. Er rollt unsere chlorfrei gebleichte Broschüre zusammen, spricht von Altersvorsorge und Nachhaltigkeit, sie von Lieferzeitpunkt und Amortisation. Sie gibt ein paar Daten ein, die Kurve auf dem Monitor verändert sich.
Vor den Stallungen sitzen zwei trächtige Weibchen eng beieinander in der Sonne. Auch ihr Kleid entlockt meinem Begleiter ein Lächeln. Fröhliches Geschnatter begrüßt uns im Inneren des Gebäudes. Viel leichter als auf der Weide fällt ihm hier der direkte Kontakt. Hingebungsvoll tastet, zupft und zwickt er, streichelt den noch ganz zerknautschten Frischling, kann sich kaum losreißen, lauscht auf die Musik und verwickelt mich in ein Gespräch über die stimulierende Wirkung von Mozart. Erst dann richtet er sich auf, studiert die an der Wand angeschlagenen Fütterungspläne, prüft Baumaterialien und Lichtverhältnisse, Quadratmeterzahl und Klimaanlage, Wasserversorgung und Einhaltung der Hygienevorschriften.
Im Schlechtwettergehege testet er den neuen Bewegungsapparat, vermisst den Auslauf. Dabei rutscht ihm sein Kugelschreiber aus der Hand, rollt in eine Ecke. Er bückt sich, schüttelt den Kopf und hält mir vorwurfsvoll einen bunten Fetzen Papier unter die Nase. Eindeutig Teil einer Schokoriegelverpackung.
Mein Gesicht wird heiß, die Verlegenheit muss ich nicht spielen. Ich lenke seinen Blick auf meinen Bauch. Er grinst, zerknüllt das Papier zu einer kleinen Kugel und folgt mir ohne weiteren Kommentar in mein angrenzendes Büro.
Dank Marias Ordnungssinn sind alle Unterlagen griffbereit. Die Zuchtpapiere mit sämtlichen Herkunftsnachweisen, medizinische Daten, Ernährungs- und Betreuungsprotokolle, Vorbestellungen und Auslieferungsquittungen. Er blättert durch die Papiere, schaut nur einmal auf, um die korrekte Aussprache eines Namens zu erfahren, hakt Punkt für Punkt auf seinem Formular ab, bis einzig die Begutachtung des Hofladens mich von der Erneuerung des Zertifikats trennt.
Neben der Präsentation der klassischen Bioerzeugnisse kann er sich auch einen Eindruck von der Kundenzufriedenheit verschaffen. Die Meybrincks, ein Paar Anfang dreißig, dem unter der Linde nicht unähnlich, holen heute ihre Bestellung ab. Als wir hereinkommen lassen sie sich gerade von Maria in die Bedienung des multifunktionalen Biowagens einweisen. Ein mehrfach ausgezeichnetes Modell mit integriertem Allergiealarm, in dem unser Produkt gut aufgehoben ist. Der Kleine auf der noch etwas wackeligen Position auf Frau Meybrincks Arm macht ein zustimmendes Bäuerchen. Behutsam bettet sie ihn für die Reise, bevor sie die Papiere unterschreibt.
Mein Besucher unterzeichnet die Kopie seines Protokolls, verleiht der ökologisch wertvollen Aufzucht glücklicher Kinder von freilaufenden Leihmüttern sein Gütesiegel.
Copyright © Susanne Henke
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