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RIEN NE VA PLUS
Der kleine Scheißer hat mich verraten. Dabei heißt es doch immer, die Kinder von heute seien komplett verblödet. Und Kevin entspricht allen Klischees. Die Ohren permanent verstöpselt, Handy im Daueranschlag und 24 Stunden online. Kein überflüssiges Wort kommt je über seine Lippen. Ich war mir nicht sicher, ob Kevin überhaupt sprechen konnte. Bis gestern.

Ich bin sofort aufgebrochen. Zum Glück war der Wagen, den ich mir ausgeliehen habe, vollgetankt. Den Sonnenaufgang habe ich in einem Strandkorb erwartet. Auch in einem milden Oktober nicht unbedingt der angenehmste Art, die Nacht zu verbringen. Aber du wirst gleich hier vorbeikommen, musst hier vorbeikommen. Auf deine Rituale ist Verlass. Auf deine preußische Disziplin, auf die du so stolz bist. Die du mir mit allen Mitteln versucht hast, einzutrichtern.
”Aus dir wird nie etwas werden, wenn du dich nicht endlich am Riemen reißt! Nimm dir ein Beispiel an Huberta. Sie weiß, worauf es ankommt!”

Ja, natürlich, die heilige Huberta. Macht immer alles richtig. Hätte sie diesen kleinen Scheißer nicht in die Welt gesetzt, müsste ich mir jetzt hier draußen nicht den Arsch abfrieren. Eine tolle Schwester ist das, die ihren einzigen Bruder den Hunden zum Fraß vorwirft. Das hat sie von dir gelernt. Schwäche wird nicht geduldet in deinem Haus. Almosen für Bedürftige gehören zum guten Ton, aber doch nicht für die eigene Familie. Wer sich nicht selber helfen kann, hat auch keine Hilfe verdient.

Die See ist ruhig, die Oberfläche spiegelglatt. Perfekt geschliffen ist der Kieselstein in meiner Hand, fünfmal hüpft er über das Wasser, bevor er hinabsinkt auf den Grund und nur die schwächer werdenden Wellenringe von seiner Existenz zeugen, bis das aufgewühlte Nass wieder glatt ist wie ein frisch gespanntes Laken. Unberührt, ungerührt. Selbstbeherrschung, dein oberstes Gebot. Aber wem nach dem zweiten Glas Wein schlecht wird, der muss sich nicht beherrschen, um kein drittes zu trinken. Emotional unreif hast du mich genannt. Mangelnde Reife kann dir niemand vorwerfen. Du bist so reif, dass deine Emotionen vollständig zu Staub zerfallen sind. Was dich in die Lage versetzt, vollkommen nüchtern, rational und wohlstrukturiert zu entscheiden, dass dein nichtsnutziger Sohn aus dem Testament gestrichen wird.
Du, die du noch nie an einem Spieltisch gesessen hast, das Gefühl nicht kennst, die Kugel mit deinen Gedanken zu beherrschen. Die angespannte Stille, in der allein das rauschende Rollen der Kugel zu hören ist, das ratternde Klackern der letzten Umdrehung, das deinen Triumph ankündigt. Wenn Jetontürme einstürzen, ihre Bausteine klickend aneinander stoßen, bevor sie neu zusammengestellt auf deinem Platz markieren, dass du den Lauf bestimmst.

Jetzt sind es deine Schritte, auf die ich lausche. Die dich, kaum hörbar noch auf dem feuchten Sand, zu ”deiner” Brücke führen. Zu dem Geländer, auf das du dich jeden Morgen stützt, um deinen Blick am Horizont zu laben. Ich biete dir ein faires Spiel. Eine einfache Chance. Rot oder Schwarz. Gerade oder Ungerade. Dein Handy wird gleich klingeln. Du kannst annehmen oder ablehnen. Du hast es in der Hand. Deine Entscheidung, dein Spiel. Den Einsatz hast du bestimmt.

Das Freizeichen ertönt. Einmal, zweimal. Du greifst in deine Manteltasche. Der dritte Klingelton. Du schaust auf das Display. Noch einmal erklingt das Rufzeichen, dann drückst du auf Ablehnen, schreitest zielstrebig auf das Ende der Brücke zu. Ich folge dir in deinen Spuren. Das Rauschen der Wellen übertönt meine Kreppsohlengedämpften Schritte.
Die Kugel rollt. Rien ne va plus.


Copyright © Susanne Henke
Mekellose Morde to go

… der neue Nachbar gegen die Kraft des Zen immun scheint?

… der Rat eines Lebenshilfegurus sich als wegweisend erweist?

… Kurerfolge Prämien killen?

ANTWORTEN AUF DIESE FRAGEN FINDEN SIE HIER

Susanne Henke
Makellose Morde to go
Edition BoD, Dezember 2009
ISBN: 978-3-8391-9252-8
TB, 128 Seiten, EUR 9,90
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