Abgelaufene Absätze. Guck dir die Absätze der Leute an und du weißt, wie es um ein Land bestellt ist. Am Ende der Rolltreppe eine akustische Wand aus “Summertime” für Querflöte. Die Bahnhofsbewohner zischen neben dem Pissoir ihr erstes Bier. Die Cops hausen im Container, dafür dürfen sie bald Colani tragen. Charlene sollte sich ein Beispiel nehmen mit ihren Klamotten aus der letzten Saison. Kein Gespür dafür, wo sie arbeitet. Der Rumäne rollt sein bestes Pferd auf Startposition. Der hat seine Leute wenigstens im Griff. Wir müssen diesen Etat kriegen.
Schichtwechsel an der Bushaltestelle. Eine schnatternde Sekretärinnenschar steigt aus, ein schweigsamer Putztrupp nimmt Platz. Zurückbleibt, zusammengesunken auf der Plastikbank, ein älterer Mann, der seinen Rausch ausschläft. Über seiner Schulter prangt ein rot-weißer Aufkleber “Eine Stadt mit Herz”.
“Mach, dass du hier verschwindest!”, herrscht der neue Angestellte des Juweliergeschäftes den ungebetenen Übernachtungsgast im Eingang an.
Ein verschlafenes, verschrecktes Gesicht lugt aus dem Schlafsack hervor.
“Wird’s bald? Oder muss ich erst die Polizei rufen?” Trittbereit zuckt des Jungverkäufers Fuß, nur die Angst um seinen Schuh, der mit den Juwelen in der Auslage um die Wette glänzt, hält ihn zurück.
“Ich zähle bis drei”, zischt Glanzschuh, das Handy im Anschlag.
Der Schläfer rettet sich mit Sack und Pack an die nächste Ecke.
Scheußlich dieser Kaffee. Der Typ sieht aus, als könnte er ihn brauchen. Hält den Becher wie ein Profi mit dem Logo nach außen. Möchte auch mal den ganzen Tag in der Sonne sitzen. “Rillmanns Coffee just relax”.
Zwei Stufen auf einmal, Inspiration beflügelt. Charlene schaut vorwurfsvoll auf die Uhr. Der Blick passt gut zu ihrem Kleid. Nicht mal meine Großmutter würde so etwas anziehen.
Stilles Wasser auf dem Tisch im gut gekühlten Konferenzraum. Schweigend starren die Kreativen auf den großen Monitor. Sehen heute gar nicht aus wie Erfolgsmenschen der Generation Übermorgen. Edgar verstößt gegen das Tabu “kein Papier auf dem Tisch” und malt Kringel auf einen Kladdeblock. John trägt seine randlose Brille. Katastrophenalarm.
“Reizend, dass du auch schon kommst, Steven.” John rückt die Brille zurecht, zeigt auf den Bildschirm. Ein glückliches Paar küsst sich vor einer weißen Villa. Segelboote im Hintergrund. “Das ist eine Katastrophe ‚Perlen an der Alster, Juwelen an der Elbe‘ altbacken, armselig, Bockmist. Wenn uns nichts Besseres einfällt, können wir einpacken!”
“Die Lösung liegt auf der Straße. Schau aus dem Fenster, was siehst du?”
“Die Mönckebergstraße. Was soll das?”
“Sieh dir die Menschen an!”
“Das Übliche. Shopping-Touristen, Büromenschen, Hausfrauen, Rentner, Schulschwänzer, Penner…”
“Keine Penner. Freie, dynamische Werbeflächen.”
“Das verstößt gegen die Menschenwürde.”
“Papperlapp! Denk doch an die Sandwichmen. Wir tun etwas Gutes. Anerkennung für die Obdachlosen. Akzeptanz statt Ausgrenzung. Sie sind NÜTZLICH!”
John nimmt die Brille ab: “Weiter.”
“Stadt mit Herz war gestern. Schluss mit dem Mitleid, aktives Miteinander. Jeder ist ein Schatz. Auf allen Straßen wird man es sehen können. Glückliche Obdachlose, Stützen der Gesellschaft, voll integriert, überall einsetzbar. Hamburg, die Stadt der Schätze Wir schätzen unsere Schätze!”
Edgar lässt den Block verschwinden.
“Wie willst du die Leute bezahlen?”
“Sponsoring natürlich. Käppis, Jacken, Isomatten…”
“Wie wäre es mit fluoreszierenden Biwaks?”
“Jede Firma, die sich beteiligt, darf das “Stadt-der-Schätze”-Logo einbinden.”
“Sind die Klamotten als Spenden steuerlich absetzbar?”
“Aber wie die Sachen dann aussehen…”
“Hamburger Wäscherei für eine Stadt, die sich gewaschen hat.”
“Willst du die Träger gleich mit waschen?”
“Shower-Mobil, gesponsert von den Wasserwerken für eine saubere Zukunft.”
“Was ist mit den Junkies? ‚Spitze der Senat gibt uns die Spritze‘?”
“Wir könnten Ein-Euro-Jobber als Obdachlose engagieren, arbeitslose Schauspieler…”
“Vielleicht sollte man auch unauffällig ein paar arabisch sprechende Asylanten als Beobachter einbinden Wir schützen unsere Schätze!”
John steckt die Brille ein.
“Auf unsere Schätze! Steven, du bist ein Genie.” Charlene öffnet den Champagner mit einem sanften Plopp.
Mit hohlem Scheppern fällt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Fünf-Cent-Stück in Rillmanns Coffee-to-go-Becher.
Copyright © 2005 Susanne Henke
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