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SCHÖNE AUSSICHT
Paul Molkow war ein durchschnittlicher Mann. Mittelgroß, mitteldick, mittelalt. Überdurchschnittlich war nur sein Appetit auf Frauen.

Den zu stillen war das Hauptanliegen seiner für Gattin Annemarie als Fortbildungsseminar getarnten, zweiwöchigen Mallorcareise. Den Ehering sicher im Hotelsafe verstaut, suchte er sich einen strategisch günstigen Beobachtungsposten im Strandcafé und taxierte das Angebot. Ältere Damen, ältere Herren, ein verliebtes Pärchen. Der Fluch der Vorsaison.

Er glaubte den Nachmittag schon verloren, als sämtliche männlichen Köpfe sich dem Eingang zuwandten. Mindestens zwanzig Jahre jünger als Paul und zwanzig Kilo leichter als sein Ehegespons, warf der Traum in Blond einen kurzen Blick über die Sonnenbrille und schritt mit lässigem Modelgang auf Pauls Nachbartisch zu. Unwillkürlich tastete er nach seinem Ehering. Seine Hände zitterten. Beinahe übersah er die Zigarette in ihrer Hand, brachte sein Feuerzeug nur knapp vor dem herbei eilenden Kellner in Position, wurde belohnt mit einem Lächeln und dem Platz an ihrer Seite.

Sie hieß Michelle und war das erste Mal auf Mallorca. Als sie die Beine übereinanderschlug, streifte sie ihn leicht. Paul schluckte. Er spulte das Repertoire des Inselkenners ab, schwärmte von dem Leuchtturm in Capdepera, einem Ort, dessen romantischer Aura er mehr als eine glückliche Urlaubserinnerung verdankte. In ihren Augen flackerte Interesse. Nach kurzem Zögern stimmte sie einem gemeinsamen Ausflug zu..

Bereits um halb acht wartete er am nächsten Morgen in seinem Mietwagen am vereinbarten Treffpunkt. Er hatte vor Aufregung kaum geschlafen. Der Pflichtanruf bei Annemarie war ihm schwerer gefallen als sonst. In ihrer Stimme hatte ein ungewohnt spöttischer Unterton gelegen. Der Anblick Michelles, die in einem kurvenbetonenden, roten Minikleid auf ihn zukam, verscheuchte seine trüben Gedanken. Sie begrüßte ihn mit einem angedeuteten Kuss auf die Wange. Ihm brach der Schweiß aus.
Michelle glitt auf den Beifahrersitz, lehnte den Kopf zurück. Ein Goldkettchen schimmerte um ihren Hals. Paul umklammerte das Lenkrad. Schweigend legten sie das letzte Stück auf der von Pinien gesäumten Serpentine zurück, bis blendend weiß der Leuchtturm vor ihnen aufragte.

Das Plateau war menschenleer, das Tor verschlossen, doch Paul wusste, wo er Michelle eine spektakuläre Aussicht bieten konnte, führte sie zu einem Trampelpfad, der nach wenigen Metern am Rand der Klippe endete. Michelle wich einen Schritt zurück. Paul lachte und trat an das äußerste Ende des Vorsprungs. Mit einer weit ausholenden Geste legte er ihr die Pracht der einsamen Bucht zu Füßen. Den Stoß spürte er kaum.

Michelle ging durch den Wald zurück in den Ort am Fuße des Berges. Die Zeit bis zur Abfahrt ihres Busses nutzte sie, um einen Urlaubsgruß zu schreiben.

Als die beiden Polizisten gegangen waren, überflog Annemarie Molkow noch einmal lächelnd die Nachricht auf der Karte mit dem Leuchtturmmotiv.
"Die Aussicht ist wirklich phantastisch!"


Copyright © Susanne Henke
Mekellose Morde to go

… der neue Nachbar gegen die Kraft des Zen immun scheint?

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Susanne Henke
Makellose Morde to go
Edition BoD, Dezember 2009
ISBN: 978-3-8391-9252-8
TB, 128 Seiten, EUR 9,90
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