Die Zahnbürste im Anschlag, schiebt Nora die Karte in den Schlitz der Multimediastation, presst den Daumen auf das Scanfeld. Wie eine aufgehende Sonne fährt der Text auf dem Monitor ab.
“Guten Morgen, Nora. Um halb neun hast du Redaktionskonferenz, um drei Arzttermin bei Doktor Berg, um halb sechs Sophie am Bahnhof abholen, um halb acht Krauses und Stelters zum Essen.”
Beim Herausziehen kleckert Zahnpasta auf die Karte. Nora wischt sie am Bademantel ab. Das Lesegerät des Kühlschranks spuckt sie trotzdem wieder aus. Holger kommt Krawatte knüpfend die Treppe hinunter.
“Holger, kannst du Sophie heute abend abholen?”
“Geht nicht. Vor sieben bin ich nicht zurück.”
“Und das Essen?
“Du schaffst das schon!”
Sein Kuss ist so flüchtig, dass er kaum Noras Wange berührt. Dem Irisscanner an der Haustür widmet er einen intensiveren Blick, bis zum sanften Klicken des Entriegelns eine modulationslose Computerstimme erklingt.
“Auf Wiedersehen, Holger. Einen schönen Tag!”
Nora hetzt nach oben in ihr Ankleidezimmer. Der cremefarbene Hosenanzug? Zu elegant. Die Leinenkombination? Macht zu blass. Die Jeans? Unten klingelt es, ihr Fuß verfängt sich im Hosenbein, auf dem Monitor sieht sie den Postboten abziehen.
Acht Uhr zwanzig. Als sie sich in der Empfangshalle des Verlages in die Schlange vor der Einlasskontrolle einreiht, hat ihr Anzug den ersten Fleck. Endlich ist sie dran. Das Lesegerät akzeptiert ihre Karte nicht. Ein demütigender Anruf in der Redaktion. Elena, ihre Ressortkollegin, winkt ihr beim Durchschreiten des neuen Einlassbogens für die High-Tech-Avantgarde lässig zu.
Im Konferenzraum sind alle Stühle besetzt. Nora drückt sich neben den Volontär an die Wand.
“Gut, dass Sie kommen, Nora”, ruft ihr Chefredakteur, “können Sie die Geschichte über diese Einrichtungskönigin vorziehen? Abgabe heute bis 15:00 Uhr?”
Nora schluckt den Fluch hinunter, nickt und lässt sich mit den hinausströmenden Redakteuren an ihren Schreibtisch spülen. Der Rechner erkennt ihre Codekarte, fährt hoch. Beim Aufrufen der Datenbank meldet er: “Zur Zeit keine Verbindung möglich, versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.” Elena klopft ihr im Vorbeigehen auf die Schulter: “Du solltest es auch mal mit CSL versuchen, Kindchen.”
Die Praxis erreicht sie mit zwanzigminütiger Verspätung.
“Sie sehen etwas abgespannt aus, Nora”, konstatiert Doktor Berg. “Sie sollten den kleinen Eingriff ernsthaft in Erwägung ziehen. Ich kann Ihnen ein sehr günstiges Angebot machen.”
17:35 Uhr. Nora passiert die Durchleuchtungspforte zum Gleis sieben. Der Zug ist bereits wieder abgefahren. Von Sophie keine Spur. Nora sieht überhaupt keine Schüler, nur Anzugträger mit Aktenkoffern. Ein sonorer Gong kündigt eine Lautsprecheransage an.
“Verehrte Fahrgäste, bitte achten Sie auf Ihre Gepäckstücke. Und denken Sie daran, im Bahnhofsbereich Kopfbedeckungen und Sonnenbrillen abzunehmen. Wir bedanken uns im Namen der Sicherheit.”
Zwei Geschäftsreisende schütteln synchron den Kopf.
“Manche Leute begreifen es einfach nicht. Neulich saß eine junge Frau mit Panamahut hier auf dieser Bank, holte ein Taschenmesser heraus und schnitt sich in aller Ruhe ein Stück von ihrer Salami ab. Und dann hat sie sich auch noch beschwert, weil ihr beim Zugriff des Sicherheitskommandos die Jacke zerrissen wurde.”
Das Leuchtschrift-Laufband verspricht eine sichere Zukunft mit CSL.
Nora versucht, Sophie telefonisch zu erreichen. Ihr Handy ist abgeschaltet.
Nach zwei Runden um den Bahnhof und einer Stippvisite zu Sophies Schule, fährt sie nach Hause. Sophie sitzt auf den Stufen.
“Wie bist du hierher gekommen?”, fragt Nora.
“Ich habe doch gesagt, dass Marens Vater mich mitnimmt!”
“Und warum sitzt du hier draußen?”
“Habe meine Karte verloren”, murmelt Sophie, den Blick auf ihre Schuhe gesenkt.
“Schon wieder?”
Deutlich artikuliert protestiert die Tochter: “Warum haben wir auch kein CSL alle haben das, nur ich muss mit diesem alten Sch... rumlaufen”
Kaum hat das Hauskontrollsystem Sophie als Gast registriert, stürmt sie die Treppe hinauf auf ihr Zimmer. Nora widmet sich der Zubereitung eines den entgegengesetzten Vorlieben ihrer Gäste entsprechenden Menues.
“Herzlich willkommen, Holger!”, grüßt der virtuelle Hausgeist um fünf vor halb acht. Die Stelters sitzen bereits im Wohnzimmer. Nora öffnet die sprachgesteuerte Bar.
“Ach, wie entzückend. So etwas hatten wir früher auch mal!”, ruft Frau Stelter. “Aber unser Sohn hat sehr schnell herausbekommen, wie er das Gerät manipulieren kann.”
Heute war Nora pünktlich in der Arztpraxis. Sie sitzt sehr aufrecht. Kopf und Nacken sind fixiert. Der Chip ist wirklich winzig. Nur mit der Lupe zu erkennen. Doktor Berg streicht ihr sanft über den Arm.
“Nur noch ein kleiner Piks und Ihre Cerebral Subscriber Line steht.”
Der Stich der Nadel ist kaum zu spüren.
Einen größeren versetzt es Nora, als der neue virtuelle Butler ihres Hauses verkündet: ”Unbefugter Eindringling. Zutritt verweigert!”
Erst jetzt bemerkt sie Elenas Wagen in der offenen Garage.
Copyright © Susanne Henke
|
|
|