home
home home home
home
home home
UNZERTRENNLICH
Zum erstem Mal in meinem Leben bin ich allein. Beißender Rauch hüllt ein, was einmal unser Ferienhaus war. Ein Gewirr von Schläuchen schlängelt sich über den aufgewühlten Waldboden. Der Rettungswagen wirkt zerbrechlich neben den drei Löschzügen. Die weit geöffnete Tür gibt den Blick auf die leere Trage frei. Zwei martialisch wirkende Gestalten lösen sich aus den Rauchschwaden. Nicht nur die Ausrüstung macht ihre Schritte schwer. Beide schütteln den Kopf. Der Kleinere lässt sich auf einen Baumstumpf fallen, nimmt seinen Helm ab und vergräbt das Gesicht in den Händen. Den Baum haben wir erst im letzten Herbst gefällt. Alex wollte mehr Licht in ihrem Zimmer. “Außerdem fällt uns das Ungetüm sonst eines Tages noch aufs Dach und erschlägt uns in unseren Betten!”
Ein junger Feuerwehrmann zieht die Decke um meine Schultern höher. Sie kratzt und riecht nach Benzin. “Hier, trinken Sie das!”, sagt er so bestimmt, als glaube er an die magische Wirkung des “Trinken-Sie-das-und-die-Welt-ist-wieder-in-Ordnung”.
Alex wäre das nicht passiert, aber ich bin schon bei meiner Geburt zu spät gekommen – fünf Minuten nach Alexandra, nur ein Flügelschlag im Lauf der Zeit; einem Erdbeben reichen sie, um eine ganze Stadt zu zerstören.
Warum habe ich nichts gespürt? Die berühmte Vorahnung von Zwillingen, warum hat sie versagt?
Dass aus Alexandra-Elisabeth Alexandra und Elisabeth wurden, erfuhren Mama und Papa ziemlich spät. Ultraschall gehörte damals noch nicht zur Routine und außer uns gibt es keine Zwillinge in der Familie. Alex war immer überall die Erste. Wahrscheinlich rief Mama deshalb auch nur “Alexandra!”, wenn wir zum Essen kommen sollten.
Matthias stürmt mit Riesenschritten auf mich zu. Bernd, drei Schritte hinter ihm, kann kaum mithalten.
“Wo ist Alexandra?” Die Angst lässt seine Knochen noch schärfer hervortreten. Seine schwarzen Augen durchbohren erst mich, dann den jungen Feuerwehrmann. Mit einer hilflosen Geste zeigt der in Richtung Rauchschwaden. Ich bringe nur ein mattes Kopfschütteln zustande.
“Warum hast du sie nicht da rausgeholt? Du verdammtes Miststück! Das ist alles deine Schuld!” Der Feuerwehrmann fällt Matthias in den Arm, bevor dessen Hand mein Gesicht trifft. Zwei Kollegen umklammern Matthias von beiden Seiten und ziehen ihn zurück. “Du hast sie auf dem Gewissen!”, brüllt er. Zögernd tritt Bernd näher, legt seine Hand auf meine Schulter, ganz leicht, bereit zum Rückzug. “Ach, Lisl!”
Auch er kam zu spät. Damals, als er und Matthias Alexandra den Hof machten. Die Familie war vollzählig unterm Weihnachtsbaum versammelt, als Matthias sein Glas hob, um seine Verlobung mit Alexandra zu verkünden. Während Mama und Papa mit der Braut um die Wette strahlten, kämpfte Bernd mit den Tränen. “Na, du kannst doch immer noch die andere nehmen”, munterte Matthias ihn im Gespräch unter Männern in Papas Arbeitszimmer auf. Sie hatten mich nicht bemerkt. Nur eine halbe Stunde ließ Bernd vergehen, bevor er mich unter den Mistelzweig zerrte, mir einen verzweifelten Kuss auf die Lippen drückte und zur Freude aller Anwesenden die zweite Verlobung des Abends bekannt gab. Ich hatte von diesem Moment geträumt, doch der Schmerz in Bernds Blick, mit dem er Alexandra ansah, zerriss mir das Herz.
Seine Lippen zittern. Mit der freien Hand fährt er sich durch das schütter gewordene Haar. Die Linien um seinen Mund sind doppelt so tief wie sonst. Die Nase ragt spitz und gerötet hervor. Mit glasigen Augen starrt er auf das, was von dem Haus übrig geblieben ist, versucht angestrengt, nicht zu blinzeln, um die Tränen zurückzuhalten.
Ich wollte dieses Haus nicht. Mein Traum war ein eigenes Domizil. Eine Rückzugsmöglichkeit für Bernd und mich aus dem trauten Heim, das wir mit Alex und Matthias teilen. Aber dann entdeckte Alex dieses Jagdhaus. “Das müsst ihr sehen. Das Haus ist wie geschaffen für uns!” Bernd musste sie nicht überzeugen. Das Kleeblatt blieb auch an den Wochenenden unzertrennlich.
Als zwei unserer Ballettschülerinnen mich vor ein paar Wochen um Extrastunden baten, schlug ich vor, Samstagnachmittags mit ihnen zu trainieren. Zwillinge wie wir, studieren sie unsere ehemalige Glanznummer, den “Schattentanz”. Ich habe darauf bestanden, dass sie die Rollen regelmäßig tauschen.
Die Feuerwehrleute fangen an, ihre Gerätschaften einzupacken. Ein Rückwärtslauf im Zeitlupentempo. Meine Knie zittern. Stirbt der Schatten mit dem, der ihn wirft? Was ist eine Kopie, von der es kein Original mehr gibt?
Bernd dreht sich langsam wieder zu mir um, löst die Hand von meiner Schulter, lässt sie einen Moment unschlüssig in der Luft schweben, streicht eine Haarsträhne aus meinem Gesicht: “Bist du in Ordnung?”
Ich traue meiner Stimme nicht und nicke nur. Er nimmt mir den leeren Pappbecher aus der Hand, zerknüllt ihn zu einer kleinen Kugel.
“Wären wir doch nur gestern abend schon zurückgeflogen. Die Konferenz war viel früher beendet, als wir angenommen hatten.” Er schaut hinüber zu
Matthias, der über dem Lenkrad zusammengesunken in Alexandras Wagen sitzt. Der stolze Eroberer, ein gebrochener Mann. “Wie konnte das geschehen, Lisl? Hast du versucht ...? Ich meine, konntest du ...?”
“Als ich hier ankam stand bereits der gesamte Dachstuhl in Flammen. Ich konnte die Tür noch öffnen, aber die Treppe hatte schon Feuer gefangen und von oben stürzten brennende Balken herab. Ich habe nach ihr gerufen, aber das Prasseln war so laut, dass ich mich selbst kaum hören konnte. Nach oben zu kommen, war völlig unmöglich.”
Plötzlich steht Matthias wieder vor mir: “Unmöglich? Du stehst hier, ein bisschen Ruß im Gesicht, aber ohne einen Kratzer und behauptest, du hast alles versucht?”
“Hören Sie sofort auf! Frau Benthien hat ihr Leben riskiert. Sie hätte überhaupt nicht in dieses Haus hineingehen dürfen”, unterbricht der junge Feuerwehrmann den Ausbruch und stellt sich schützend zwischen mich und Matthias drohende Fäuste. Bernd steht mit zusammengepressten Lippen daneben. Nur seine Kiefermuskeln zucken.
Plötzlich dringt ein Ruf durch die Nacht.
“Lisl!”
Der Klang ihrer Stimme lässt uns alle zusammenfahren. Matthias fasst sich als Erster. “Alexandra! Alexandra, meine Liebste, meine Schönste, meine Beste!” Er erdrückt sie fast in seiner Umarmung. “Alexandra, dass ich dich wiederhabe. Wir dachten, du bist ...”
Alexandra löst sich aus seinen Armen. Ihr leuchtend gelber Hosenanzug bildet einen schönen Kontrast zu den rauchgeschwärzten Mauerresten. Sie muss beim Friseur gewesen sein. Ihr Haar liegt glatt und glänzend wie eine dunkle Kappe um ihren Kopf. Das macht es, wie ich aus Erfahrung weiß, nicht von allein. Und sie duftet wie ein frischer Sommermorgen.
“Lisl, was ist hier passiert? Ist mit dir alles in Ordnung?”
“Das Haus ist hin, aber an mir ist noch alles dran.”
Bernd greift nach ihrer Hand. Die Erleichterung bügelt die tiefen Furchen um seinen Mund wieder aus. Dafür hinterlassen die Tränen, denen er jetzt freien Lauf lässt, neue Spuren auf dem leicht rußverschmierten Gesicht.
“Wo warst du, Alex?”
“In den neuen Thermen. Mein Rücken hat mal wieder verrückt gespielt. Und da wollte ich mir etwas Gutes tun. Den Masseur kann ich übrigens nur empfehlen.”
“Aber dein Wagen ...?”
“Ach, die Luxuskarosse sprang nicht an. Ich habe mir ein Taxi genommen.”
Matthias, der ihre andere Hand fest umklammert hält, legt den Arm um ihre Schultern. “Komm, Alexandra. Du musst dich setzen.”
Fast zwei Köpfe kleiner als ihre Begleiter, doch unbestritten die Anführerin, schwebt sie zwischen ihnen zu ihrer Limousine, in der sie Platz nimmt wie eine Königin. Die beiden Mannen vor ihr auf den Knien.
“Schau auf deine Schwester”, pflegte unsere Ballettlehrerin zu sagen, “und mach es wie sie. Es ist das Quäntchen Selbstbewusstsein und Energie mehr, das ihrer Haltung die perfekte Grazie und Ausstrahlung gibt. Dir fehlt nur dieses kleine bisschen Mut.”
Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, dass ich es gefunden habe, das kleine Quäntchen. Vom Solarplexus breitet es sich aus. Süß und prickelnd durchströmt es mich. Meine Schultern straffen sich, die kratzige Decke fällt von ihnen ab. Ich fühle mich leicht.
“Geht es Ihnen gut?”, fragt besorgt der junge Feuerwehrmann.
“Ja, sehr gut, danke. Brauchen Sie mich hier noch?” Sein Blick schweift zur Königin und ihrem Gefolge, dann schaut er mich an und lächelt. “Nein, Sie können gehen, wohin Sie wollen.”
Ich spüre, wie seine Augen mir folgen, als ich hinüber zu Alex‘ Wagen gehe.
“Alex, ich breche auf.”
Mein Schwesterherz klopft mit der Hand auf den Beifahrersitz. “Warte, lass‘ mich noch einen Moment Abschied nehmen von unserem Traumhaus.”
“Bleibt nur. Ich fahre allein.”
Bernd richtet sich mühsam auf aus seiner Position zu Alex‘ Füßen. “Lisl, warte.”
“Nein, ich habe lange genug gewartet.” In seinen Augen sehe ich, dass auch er das Quäntchen in mir spürt. Er breitet die Arme zu einer Umarmung aus. “Bernd, ich lasse mich scheiden!"
Er erstarrt mitten in der Bewegung. “Lisl, du weißt nicht, was du sagst. Deine Nerven. Heute war ein anstrengender Tag.”
“Nein, Bernd. Ich weiß genau, was ich sage. Ich weiß es schon lange.”
Ich gehe zu meinem Wagen, ohne mich noch einmal umzudrehen. Bernd unternimmt keinen Versuch, mich aufzuhalten.
“Viel Glück, kleine Schwester!”, ruft Alex mir hinterher.
Der Löschzug, der die Einfahrt blockiert hat, ist verschwunden. Langsam fahre ich über den zerfurchten, aufgewühlten Waldweg. Das nunmehr dreiblättrige Kleeblatt schrumpft im Rückspiegel. Auf der Straße gebe ich Vollgas. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich frei!

Copyright © Susanne Henke
Mekellose Morde to go

… der neue Nachbar gegen die Kraft des Zen immun scheint?

… der Rat eines Lebenshilfegurus sich als wegweisend erweist?

… Kurerfolge Prämien killen?

ANTWORTEN AUF DIESE FRAGEN FINDEN SIE HIER

Susanne Henke
Makellose Morde to go
Edition BoD, Dezember 2009
ISBN: 978-3-8391-9252-8
TB, 128 Seiten, EUR 9,90
bei Libri / bei Amazon / ibook


REINHÖREN


STORYSITE NEWS
BLOG
FACEBOOK
GOOGLE+
LOVELYBOOKS
TWITTER
XING
STORYLETTER

Bookmark and Share
home
home home home
home
home home
copyright © 2000 - 2008 Susanne Henke