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EIN STOLZER VATER
Meine Kleine, meine Prinzessin, mein Ein und Alles. Warum hast du das getan? Du weißt doch, wie stolz ich immer auf dich war. Wenn du in deinem Rüschenkleid die Treppe hinunter gehüpft bist, die Geige in der linken Hand, die Zöpfe in deinem stürmischen Rhythmus tanzend. Wenn dein Lachen, noch Kinderlachen, glucksend aus den Tiefen deines kleinen Körpers empor sprudelte. Dein Strahlen mir den Tag erhellte. Ich dir in der ersten Reihe applaudierte, die neidischen Blicke der anderen Eltern auf mir spürte. Kein Anruf deiner Lehrerin brachte mich in Verlegenheit. Kein Sorgentelefon für uns am Zeugnistag. “Aus ihr wird einmal eine ganz große Künstlerin”, hat dein Professor gesagt, “eine neue Anne-Sophie Mutter.”

Ich wollte nicht, dass du zu dieser Geburtstagsfeier gehst. Mitten in der Woche, in dieses Viertel, zu Leuten, die “Dirty Dancing” für eine Oper halten. Fünf Tage vor deinem großen Auftritt. Aber deine Mutter konnte deinem Flehen nicht widerstehen, meinte, es würde dir gut tun, mal eine andere Umgebung kennen zu lernen. Graffiti an der Hauswand und im Fahrstuhl, der Laubengang mit Taubennetz vergittert, ein Plastikblumenkranz auf bröckelndem Blau. Davor der Herr des Hauses in kariertem Hemd und ausgebeulten Jeans. Hoch und heilig hat er mir versprochen, auf dich zu achten, wie auf seinen Augapfel.
Jetzt rinnen Tränen aus seinen Augen. Vielleicht sind ihm die schwarzen Schuhe zu eng.

Kein Wort hat er erwähnt vom Grillen auf dem Gemeinschaftsplatz, von der Schnitzeljagd durchs Ghetto. Und du? Du hast nicht Nein gesagt, hast mich nicht angerufen. Bist gedankenlos durch die Häuserschluchten getobt, hast alles vergessen, alles zerstört.

Warum hast du mir das angetan? Dein Foto überall in den Zeitungen, im Fernsehen, im Internet. Die ganze Welt hat erfahren, was aus dir geworden ist. Die Locken verklebt, das Kleid zerrissen, die Finger, die so biegsam über die Saiten wanderten, gebrochen, das Lachen aus dem Gesicht geschlagen. Alles. Der ganze Schmutz. Dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen. Wie konntest du das zulassen? Dass ein betroffenheitstrunkener Reporter mich fragt: “Was haben Sie empfunden, als Sie erfuhren, welches Leid der Mann Ihrer Tochter zugefügt hat?” Dass Nachbarn, Kollegen und Menschen, mit denen ich noch nie ein Wort gesprochen habe, mir mit wohligem Schauer unter dem mitleidsgetrübten Blick bekunden: “Die arme Melanie, was für ein Martyrium.” Dass Kamerateams dein Kinderzimmer stürmen, auf der Suche nach Hintergrundmaterial.
Du bist nicht mehr meine Tochter. Bist es nie gewesen. Niemals hätte meine Prinzessin diese Schande über mich gebracht.

Deine Mutter hat mich verlassen. Ein neues Kleid hat sie sich gekauft. Auch ihr sind die schwarzen Schuhe zu eng. Sie küsst die weiße Rose in ihrer Hand, wirft sie auf deinen Sarg. Der Professor setzt zum Spiel an. Menschen, die dich nicht kannten, halten Plakate mit deinem Foto in die Kameras: “Melanie, wir werden dich nie vergessen!”
Der Wetterbericht verspricht ein sonniges Wochenende.

Copyright © Susanne Henke
Mekellose Morde to go

… der neue Nachbar gegen die Kraft des Zen immun scheint?

… der Rat eines Lebenshilfegurus sich als wegweisend erweist?

… Kurerfolge Prämien killen?

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Susanne Henke
Makellose Morde to go
Edition BoD, Dezember 2009
ISBN: 978-3-8391-9252-8
TB, 128 Seiten, EUR 9,90
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