![]() |
||||||||||||||
|
|
||||||||||||||
| Was wäre, wenn… die begehrte Trophäe zum Greifen nah ist? |
|
|||||||||||||
| Der Preis Eine Charakterdarstellerin so wandlungsfähig, dass man sich oft fragt, “Ist sie’s oder ist sie’s nicht?”, steht im Programmheft zur Verleihung des “Goldenen Leo” über mich. Im Moment stelle ich mir die gleiche Frage. Der Starfriseur hat sich dezent zurückgehalten. Kein Kommentar über mein verschnittenes Haar. Dass es zu meiner neuen Rolle gehört, weiß er ja nicht. Ein wahres Meisterwerk hat er kreiert und sich mit den besten Wünschen für heute abend verabschiedet: “Sie sind meine absolute Favoritin!” Daria hat mir eigens ein Kleid auf den Leib geschneidert: Schlichtes, hochgeschlossenes Schwarz mit langem Arm (“Man muss dir dein Alter doch nicht gleich an den Oberarmen ansehen”) und dramatischem Rückenausschnitt. “Sie sehen phantastisch aus”, spult der Fahrer der Limousine ab. Seit einer Stunde pendelt er zwischen Hotel und Gala. Kreischende Mädels säumen den roten Teppich. Sie hoffen auf ein Autogramm vom Popstar des Jahres. Ihnen kann die Kälte offensichtlich nichts anhaben. Mein bloßer Rücken fühlt sich jetzt schon an wie tiefgefroren. Langsam schreiten, posieren vor der Fotografentribüne, lächeln und dabei nicht mit den Zähnen klappern. Plötzlich schauen alle Fotografen nach rechts. Der Popstar naht. Da kann ich nicht mithalten. Die Hostessen am Eingang bibbern in ihren goldenen Fähnchen. “Herzlich willkommen, Frau Müller. Darf ich Sie zu Ihrem Platz begleiten?” Zielsicher bahnt sie sich ihren Weg durch den gut gefüllten Saal. Sie hat heute nachmittag mit ihren Kolleginnen geübt. Großformatige Fotos lehnten als Platzhalter auf den roten Stühlen. Dank eines besonderen Einfalls der Regie sitze ich mit den anderen beiden Nominierten in einer Reihe direkt am Kopfende des Laufstegs. Drei Grazien auf dem Präsentierteller. Christine ist schon da. Das spitz auslaufende, schwarze Revers ihres oberarmverhüllenden weißen Fracks setzt ein optimistisches Zeichen. Ihre Mund- und Augengrübchen gehen nahtlos ineinander über. Sie hätte den Leo wirklich verdient. Ihr letzter Film hat einen Ehrenplatz in meiner Sammlung. Wenn gar nichts mehr geht, Christine bringt mich zum Lachen. Auf der Leinwand und im richtigen Leben. Kein Wunder, dass Gernot ihr verfallen ist. Seine Frau versteht das weniger. Die Medien sind auf ihrer Seite. “Comedy-Luder” ist noch einer der charmanteren Titel, den die Boulevardblätter Christine verliehen haben. Gernot hat sich heute abend gedrückt, zu viel Presserummel ist schlecht fürs Geschäft. Bin ich wenigstens nicht alleine allein. Über den noch leeren Platz in unserer Mitte drückt Christine mir die Hand. “Toll siehst du aus! Wo ist Janosch?” “Er dreht in Warschau.” Vor zwei Tagen hat er die Koffer gepackt. “Das schaffst du locker ohne mich. Du bist doch Profi!” La Ment schreitet mit schleifender Schleppe durch den Saal. “Mit Anmut und Liebreiz verkörpert Marie Sophie Ment eine neue Weiblichkeit”, schwärmt die Jury. Die neue Weiblichkeit präsentiert ihr Dekolleté in einem schillernden, perlenbesetzten Hängerkleid. An zwei schmalen Schnüren aufgereihte Perlen halten die Kreation in Position. Zwei Luftküsschen für mich, zwei Luftküsschen für Christine. Dann nimmt sie Platz, breitet ihre Schleppe großzügig aus. Wenigstens über kalte Füße brauche ich mir jetzt keine Gedanken zu machen. Sie schenkt mir einen ihrer “Du bist so stark, ich vertraue dir ganz und gar”-Blicke. Ihr Parfüm nebelt mich ein. “Ach, Sabine, ich bin ja so aufgeregt. Dass ich hier neben dir sitzen darf. Seit meiner Kinderzeit verfolge ich deine Karriere. Du hast mich immer so inspiriert!” Ich hätte auf Janoschs Rat, mir noch einmal Olivia de Havillands Melanie in “Vom Winde verweht” anzusehen, hören sollen. “Das Musterbeispiel an Güte und Großmut!” Zum Glück tritt in diesem Moment der Moderator auf. Die Laudatorin, die nach seiner artigen Begrüßungsrede auf die Bühne kommt, ist selbst eine Legende. Sie sieht aus wie eine Figur aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Und bewegt sich auch so. Ich will mich nicht liften lassen. Mein schwarzer Ärmel bildet einen schönen Kontrast zu Marie Sophies seidig schimmernder Haut. “Mit seinem minimalistischen Spiel und seiner starken Präsenz gibt er seinen Charakteren eine einzigartige Tiefe,” verkündet Jürgen mit wohlklingendem Bass. Als er erfuhr, auf wen er die Laudatio halten soll, klang sein Kommentar noch ganz anders: “Dieser Idiot kann sich keinen Satz merken, der mehr als drei Worte hat!” In den riesigen Pranken des so kontrastreich Beschriebenen verschwindet der Leo fast. Als hätte er nur eine Miniaturausgabe bekommen. Marie Sophie lauscht mit andächtig entrücktem Blick, der einer Hedwig-Courths-Mahler-Heldin Ehre machen würde. Nicht der Hauch eines Fältchens verunstaltet ihr zartes Gesicht. Auch sie will ihren Rollen Tiefe geben, beschäftigt sich intensiv mit den Charakteren so intensiv, dass sie es für die Rolle der Muse in Harros neuesten Liebesreigen auf sich nahm, dem Meister auch im richtigen Leben Inspiration zu sein. Mein Blick schweift über die krampfhaft lächelnde Zuschauerschar. Um die Plätze im Parkett wird hart gekämpft. “Dabei sein ist alles”, ist auch das Motto der seit Jahren auf biedere Mutterrollen abonnierten Dagmar Klein. Sie lächelt mir zu lieb, verständnisvoll, voller Mitleid. Ob sie von der Mutterrolle, die man mir angeboten hat, weiß? Nicht irgendeine Mutter, sondern Mutter von Marie Sophie. “... freue ich mich, Ihnen die drei herausragenden Darstellerinnen vorstellen zu dürfen, die für die “Beste Schauspielerin des Jahres” nominiert sind!” Haltung bewahren, jetzt sind wir dran. Filmausschnitte von Christine eröffnen den Reigen. Sie lächelt ihr schönstes Lächeln. Applaus. Die Kameras haben uns voll im Visier. Mein Einspieler fährt ab. “Drei Tage im Schnee” warum haben sie ausgrechnet diese Szene ausgewählt? Ich kann mich nicht neutral betrachten, möchte immer noch alles immer besser machen. Auf der Leinwand jetzt Marie Sophies samtige Kulleraugen in Nahaufnahme. Weit aufgerissen, fragend die Augen der dreidimensionalen Marie Sophie neben mir. Sie spielt mit ihrem Spaghettiträger. Die Perlen schimmern auf ihrer Haut. Ihre Schleppe hat sich um meine Füße gewickelt. Der Laudator nestelt an dem Umschlag herum, als hätte er noch nie ein Kuvert in der Hand gehabt. Schließlich reißt er ihn auf, schaut, als läse er tatsächlich zum ersten Mal den Namen. Knisternde Stille im Saal. Er räuspert sich noch einmal, bevor er schmetternd die Entscheidung der Jury verkündet: “Der “Goldene Leo” geht an: Marie Sophie Ment!” Jubelnd springt sie auf, reißt die Arme hoch, macht einen Riesenschritt auf den Laufsteg. Ihr Kleid macht den Aufstieg nicht mit. Lustig purzeln die Perlen auf meinen Schoß. Schade, dass es keine Live-Aufzeichnung ist. Dessous statt Dankesrede würden die Einschaltquote bestimmt erhöhen. Copyright © Susanne Henke |
Was wäre, wenn …
… der neue Nachbar gegen die Kraft des Zen immun scheint? …ein junger Journalist die größte Story im eigenen Haus entdeckt? … der Rat eines Lebenshilfegurus sich als wegweisend erweist? …die Urlauberidylle durch Gestrandete gestört wird? …ein pensionierter Versicherungsagent ein Ventil für seine Talente sucht? …ein Fan die Familienplanung seiner Fußballbegeisterung anpasst? …wenn Kurerfolge Prämien killen? …der Stellvertreter sich dem Willen der Gattin unterwirft? …ein Pianist plötzlich von Lampenfieber geplagt wird? …der Advent schon im August beginnt? …Arbeitslose zur Verbrechensaufklärung beitragen? …der Besuch beim Zahnarzt befreiend wirkt? …einem Kreuzfahrtdirektor das Wohl seiner Gäste über alles geht? …die Ewigkeit kürzer währt als die Bauzeit einer Villa? …der Gang ins Fitnessstudio sich als gesundheitsgefährdend erweist? … die unfreiweillige U-Bahn-Fahrt Enthüllendes beschert? … die Bindung sich löst? … die Kulisse spektakulärer ist als das Talent? …der demografische Faktor dringender Korrektur bedarf? …der Blick fürs Detail zum Verhängnis wird? … er nur als Kunde König ist? …die Freundschaft auf dünnem Eis gebaut ist? …Eifersucht sich ans Steuer setzt? … der Platz in der ersten Reihe schon wieder besetzt ist? Die Antworten auf diese Fragen finden Sie hier ![]() Edition BoD, Dezember 2009 ISBN: 978-3-8391-9252-8 TB, 128 Seiten, EUR 9,90 bei Libri / bei Amazon Reinhören |
|||||||||||||
|
|
||||||||||||||
|
||||||||||||||
![]() |
||||||||||||||